Therapieempfehlung "Entfernung bleibender Zähne aus kieferorthopädischen Gründen"

2019-01-14 22:25:21
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Die Diagnose "Zahnentfernung aus kieferorthopädischen Gründen" wird erst definitiv gestellt, wenn umfangreiche diagnostische Unterlagen ausgewertet worden sind. Es kann aber auch sein, dass beim ersten Beratungsgespräch schon daraufhingewiesen wird, dass eine Entfernung von bleibenden Zähnen erforderlich wird. Dies hat mit dem "klinischen Blick" zu tun, also dem im Laufe der kieferorthopädischen Tätigkeit individuell angesammelten klinischen Erfahrung. Und hier wird es manchmal kritisch, denn es sehen manchmal kieferorthopädische Befunde so aus, als wenn eine Zahnentfernung erforderlich wird, aber es dann doch nicht erforderlich ist und andere Befunde sehen so aus, als wenn keine Zahnentfernung notwendig ist und sie dann dennoch notwendig wird. Das sind die sog. "Grenzfälle". Jeder klinischtätige Behandler weiß um diese Problematik und deswegen ist die im ersten Beratungsgespräch geäußerte Therapieempfehlung "Zahnentfernung von bleibenden Zähnen" erstmal eine vorläufige, nur zur groben Orientierung der Patienten, bzw. der Eltern dienende Aussage und wird eingebettet in eine skizzierende Darstellung der vorgeschlagenen Behandlungsziele und angewendeten Behandlungsgeräte. Von Seiten der Patienten, bzw. der Eltern gibt es dann meist zwei unterschiedliche Reaktionen. Die einen hören gut zu und verstehen, dass die Empfehlung zur Zahnentfernung medizinisch begründet ist und dass durch die zur Anwendung kommenden Mechaniken die durch die Entferung entstehenden Lücken komplett geschlossen werden. Manche Eltern aber mißverstehen die vorläufige Diagnose "Zahnentfernung", hören nicht mehr zu, dass die entstehenden Lücken durch die kieferorthopädischen Massnahmen geschlossen werden und reden dann vor ihren Kindern völlig unüberlegt aber sehr plastisch von "Zahn raus reißen" oder "Zähnereißen gesunder Zähne". Da sieht man sich als Kieferorthopäde förmlich blitzartig in die Szenerie eines mittelalterlichen Folterknechts transformiert, der mit einer groben Zange seinem kleinen unschuldigen Opfer unter großen Schmerzen die Zähne rausreißt. Die nächste Frage ist dann meist "und wie soll mein Kind dann essen?" "Mein Kind hat doch dann Lücken, da müssen doch dann Brücken rein." Man ist als Kieferorthopäde dann doch sehr erstaunt und erschüttert, dass einem wirklich zugetraut wird, einfach so Zähne aus der geschlossenen Zahnreihe zu entfernen und den dadurch verstümmelten Patienten dann zum Zahnarzt zu schicken, damit dieser die Lücken durch Brücken schließt. Natürlich erklärt man den Patienten, bzw. deren Eltern, dass die entstandenen Lücken durch die kieferorthopädische Behandlung komplett geschlossen werden, aber meist können sich diese Menschen das nicht vorstellen und sehen nur das Bild des Kieferorthopäden als Folterknecht der völlig sinnlos dem armen Kind gesunde Zähne entfernen will, die es doch zum Essen noch so dringend braucht. Meist kommt dann der Satz "Wir lassen bei unserem Kind keine gesunden Zähne ziehen. Das macht man heute nicht mehr!" Durch die unzulässige Verknüpfung von Zahnextraktion mit Folter und Verlust von Kau- und Beißfähigkeit und damit einer Einschränkung der Überlebensfähigkeit, ist diese durchaus sehr sinnvolle kieferorthopädiche Massnahme als "veraltet" und "brutal" diskreditiert worden, die man nicht mehr macht, weil es doch so viel bessere Alternativen gibt. Und wo Eltern und Patienten auf der Suche nach Alternativen sind, werden diese Bedürfnisse auf einem Markt von "modernen", "sanften", "unsichtbaren", "non-invasiven", "alternativen", "ganzheitlichen", "biokompatiblen", "reibungsfreien" und "ästhetischen" Materialien und Techniken befriedigt. Meist verbirgt sich hinter diesen Alternativen nichts anderes als bereits bekannte Mechaniken und Techniken, die durch besonderen Marketingaufwand der Hersteller mit toll klingenden Markennamen versehen und mit großem Werbeaufwand angedichteten Versprechungen im Internet und bei Zahnärzten angepriesen werden.

Häufige Reaktionen von Patienten auf den Therapievorschlag "Entfernung bleibender Zähne aus kieferorthopädischen Gründen"